Wie man Menschenhandel und Online-Betrug bekämpft

Wissenschaftler*innen am MPI-SP analysieren die Reaktionen von Online-Communities auf durch Betrug motivierten Menschenhandel über chinesische Grenzen hinweg und entwickeln pädagogische Maßnahmen, um ältere Erwachsene darin zu schulen, Online-Betrug zu erkennen
 

8. Juni 2026

Auf den Punkt gebracht

  • Neue Forschungsergebnisse beleuchten die verborgene Verbindung zwischen Arbeitsbetrug, Menschenhandel und Online-Betrug, wobei Betroffene oft dazu gezwungen werden, selbst zu Tätern zu werden, nachdem sie in Länder wie Myanmar, Laos und Kambodscha verschleppt wurden, um dort in Betrugszentren zu arbeiten.
  • Die Analyse von Erfahrungsberichten in sozialen Medien offenbart sowohl die Taktiken, mit denen Menschenhändler Personen anwerben und kontrollieren, als auch die von der Gemeinschaft entwickelten Strategien, die ihnen helfen sollen, betrügerische Stellenangebote im Ausland zu vermeiden.
  • Die Forscher*innen stellten zudem ROLESafe vor, ein auf LLM basierendes Bildungsinstrument, das durch interaktive Rollenspielübungen das Bewusstsein für Betrugsmaschen bei 144 älteren chinesischen Erwachsenen erfolgreich schärfte.

Unter dem Vorwand von Beschäftigungsaussichten werden Hunderttausende von Arbeitssuchenden durch Betrüger dazu verleitet, die Grenze zu Ländern wie Myanmar, Laos oder Kambodscha zu überqueren. Anstelle der versprochenen lukrativen Stellen werden sie dort gezwungen, in strickt bewachten Betrugslagern lange Arbeitszeiten zu absolvieren, wobei sie strengen Quoten und Gewalt als Strafe ausgesetzt sind. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, Online-Identitäten zu fälschen und Menschen zu betrügen, beispielsweise durch „Pig-Butchering“-Betrug. Dabei bieten sie betrügerische Investitionsmodelle an, nachdem sie online romantische Beziehungen zu zufälligen Opfern aufgebaut haben.

Die Erfahrungen von Opfern, die gezwungen wurden, zu Tätern zu werden

Wissenschaftler*innen des MPI-SP, der University of Edinburgh, der Hong Kong University of Science and Technology und der University of Kent analysierten Beiträge aus der chinesischen Social-Media-App RedNote. Diese Beiträge wurden von Betrugsopfern oder deren Familienangehörigen geteilt. Die Forscherinnen und Forscher identifizierten 158 relevante Beiträge, indem sie nach bestimmten Hashtags wie „Menschenhandel“, „Betrug mit Auslandsjobs“ oder „Erfahrungen mit Menschenhandel“ suchten und diese weiter filterten.

 

Diese Analyse hat die meist verborgenen Details darüber aufgedeckt, wie die Opfer rekrutiert und selbst zu Tätern gemacht werden. Die üblichen Rekrutierungsziele sind Personen, die über Fähigkeiten verfügen, die für Betrugsmaschen wertvoll sein können, wie z. B. fließende Fremdsprachenkenntnisse. Auch Personen mit fehlenden sozialen Netzwerken sind besonders gefährdet, wie z. B. Kinder von Eltern, die zum Arbeiten ins Ausland gegangen sind. Zeugenaussagen zeigten zudem, dass die Betreiber der Betrugslager die Opfer kontrollierten und an der Flucht hinderten, indem sie Löhne einbehielten, Standortüberwachungs-Apps wie FindMy einsetzten, Reisedokumente beschlagnahmten und in extremen Fällen zu Gewalt griffen. Darüber hinaus nutzen sie die sozialen und kulturellen Bindungen der Opfer aus, indem sie Lösegeld von Familienangehörigen forderten.

Online-Communities geben Ratschläge, wie man es vermeiden kann, in Betrugslager verschleppt zu werden

Die Studie beleuchtet die auf RedNote diskutierten Strategien der Community zur Vermeidung von Menschenhandel. Überlebende und Mitglieder der RedNote-Community listen häufige „Warnsignale“ auf, auf die potenzielle Opfer bei der Prüfung von Stellenanzeigen achten sollten. Vorteile wie „kostenlose Reisen“, „allumfassende Hin- und Rückflugtickets“ oder „hohe Bezahlung für minimale Arbeit“ sollten als Anzeichen für Betrug gewertet werden. Vorsicht ist geboten, wenn jemand ausführlich mit den Vorteilen des Jobs prahlt, ohne Unternehmensvideos oder Fotos zu zeigen, oder angibt, den genauen Arbeitsort erst nach der Ankunft im Land bekannt geben zu können. Als Sicherheitsmaßnahmen wird empfohlen, die rechtmäßige Registrierung des Unternehmens zu überprüfen, vollständige Arbeitsverträge zu verlangen und ordnungsgemäße Arbeitsvisa anzufordern.

Was kann noch getan werden?

Da Personen Menschenhandel zum Opfer fallen und zur Durchführung von Betrügereien gezwungen werden, gibt es zudem am anderen Ende des Spektrums Menschen, die Schaden erleiden: diejenigen, die Ziel von Betrügereien sind. Neben der Bekämpfung des durch Betrug motivierten Menschenhandels haben die Forscher*innen des MPI auch Schulungen entwickelt, um Verbraucher dabei zu unterstützen, Online-Betrug zu erkennen. Um dies zu erreichen, nutzt das Forschungsteam große Sprachmodelle (LLMs), um die Schulung interaktiv zu gestalten und maßgeschneiderte Ratschläge zu geben, insbesondere für ältere Nutzer.

ROLESafe: eine LLM-basierte Maßnahme zur Sensibilisierung für Betrug

Die Sensibilisierung älterer chinesischer Erwachsener für Betrug fällt in der Regel in den Verantwortungsbereich jüngerer Familienmitglieder. Als Betreuer stehen sie jedoch vor verschiedenen Problemen, beispielsweise wenn Senioren Details über den Betrug zurückhalten oder Hilfe nur ungern annehmen.

 

Um diese Probleme zu mindern, entwickelten die Forscher ROLESafe, ein LLM-basiertes Tool zum Erlernen von Betrugsmaschen und zum Trainieren der Urteilsfähigkeit durch Gespräche mit einer von einem LLM simulierten Person, das speziell für ältere Erwachsene konzipiert wurde. Das Tool nutzt eine Oberfläche, die WeChat ähnelt, der beliebtesten Messaging-App in China. ROLESafe zielt darauf ab, das Betrugsbewusstsein und die Abwehrfähigkeiten der alternden Bevölkerung zu verbessern, indem den Nutzern in einem Betrugsszenario verschiedene Rollen zugewiesen werden: Beobachter (passives Betrachten von LLM-generierten Chat-Protokollen, die auf realen Betrugsfällen basieren), Helfer (Überzeugen eines durch LLM dargestellten Opfers, nicht auf einen Betrug hereinzufallen) oder Erlebende (direkte Interaktion mit einem LLM, das sich als Betrüger ausgibt).

144 ältere Erwachsene aus China nahmen an der Bewertung des Tools teil. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einbindung älterer Erwachsener in aktive (Erfahrene oder Helfer) statt passive (Beobachter) Rollen ihr Bewusstsein für Betrugsfälle stärkt. Daher bietet ROLESafe einen bedeutenden Bildungsrahmen für ältere Erwachsene, der in Zukunft auch für andere Risikogruppen genutzt werden könnte.

 

Die beiden Studien wurden auf der ACM-Konferenz „Human Factors in Computing Systems“ (CHI 2026) vorgestellt.

  • Der Artikel mit dem Titel Characterizing Scam-Driven Human Trafficking Across Chinese Borders and Online Community Responses on RedNote von Jiamin Zheng, Yue Deng, Jessica Chen, Shujun Li, Yixin Zou und Jingjie Li wurde mit einem Best Paper Award ausgezeichnet (verliehen an die besten 1 % aller Beiträge)
  • Die Arbeit mit dem Titel „Experiencer, Helper, or Observer: Online Fraud Intervention for Older Adults Through a Role-Based Simulation Approach“ von Yue DengXiaowei Chen, Junxiang Liao, Bo Li und Yixin Zou wurde mit einer „Best Paper Honorable Mention“ ausgezeichnet (verliehen an die besten 5 % aller Beiträge).
Zur Redakteursansicht